Lebensversicherung für Selbstständige und Freiberufler: Was wichtig ist

Lebensversicherung für Selbstständige und Freiberufler: Was wichtig ist

Selbstständige und Freiberufler tragen mehr Verantwortung für ihre finanzielle Absicherung als Angestellte – auch beim Thema Lebensversicherung. Ohne Arbeitgeber, ohne betriebliche Vorsorge und oft ohne gesetzliche Hinterbliebenenversorgung müssen sie den Schutz ihrer Familie und ihres Unternehmens selbst organisieren. Dieser Ratgeber zeigt, worauf es ankommt.

Wichtigste Punkte:

  • Selbstständige haben meist keine oder nur geringe gesetzliche Hinterbliebenenansprüche.
  • Die Lebensversicherung sichert Familie und Geschäftskredite gleichzeitig ab.
  • Die Versicherungssumme sollte laufende Kosten, Kredite und eine Übergangsphase abdecken.
  • Geschäftspartner lassen sich gegenseitig absichern (z. B. bei einer GbR oder GmbH).
  • Regelmäßige Überprüfung der Summe ist wichtig, weil sich Einkommen und Verpflichtungen ändern.

Warum Selbstständige besonderen Schutz brauchen

Angestellte sind über verschiedene Systeme abgesichert: gesetzliche Rentenversicherung mit Witwen- und Waisenrente, oft betriebliche Altersvorsorge, manchmal betriebliche Gruppenversicherungen. Selbstständige haben davon in der Regel wenig oder nichts:

  • Keine gesetzliche Hinterbliebenenrente (außer bei freiwilliger Weiterversicherung oder früheren Angestelltenzeiten).
  • Kein Arbeitgeber, der bei Krankheit oder Tod weiterzahlt oder eine betriebliche Versicherung stellt.
  • Unternehmensverpflichtungen laufen weiter: Mieten, Leasingraten, Kredite, Gehälter von Mitarbeitern.
  • Unregelmäßiges Einkommen erschwert die langfristige Planung.

Fällt der Selbstständige aus – erst recht im Todesfall –, stehen Familie und Unternehmen schnell vor existenziellen Problemen. Eine Risikolebensversicherung schließt genau diese Lücke.

Welche Risiken sollten abgedeckt werden?

1. Lebenshaltungskosten der Familie

Die Familie muss nach dem Todesfall weiter Miete, Lebensmittel, Versicherungen und Schul- oder Betreuungskosten zahlen können. Faustregel aus der Finanzplanung: Die Versicherungssumme sollte die jährlichen Lebenshaltungskosten für mehrere Jahre abdecken – oft werden drei bis fünf Jahresausgaben als Orientierung genannt.

2. Geschäftskredite und Verbindlichkeiten

Viele Selbstständige haben betriebliche Kredite: für Maschinen, Fahrzeuge, Warenlager oder die Praxis- bzw. Kanzleiausstattung. Oft wurden dafür private Bürgschaften übernommen. Eine Lebensversicherung mit ausreichender Summe stellt sicher, dass diese Verbindlichkeiten getilgt werden können, ohne dass die Familie ihr Vermögen angreifen muss.

3. Übergangs- und Abwicklungskosten

Ein Unternehmen lässt sich selten von heute auf morgen verkaufen oder abwickeln. Die Versicherungssumme sollte eine Übergangsphase finanzieren: laufende Fixkosten, bis das Unternehmen verkauft, übertragen oder geordnet geschlossen ist.

4. Altersvorsorge des Partners

War der Selbstständige Hauptverdiener, fehlt dem überlebenden Partner später möglicherweise die eigene Altersvorsorge. Ein Teil der Versicherungssumme kann als Grundstock für die Altersvorsorge des Partners dienen.

Die richtige Versicherungssumme berechnen

Eine einfache Berechnungsmethode in drei Schritten:

Schritt Was einrechnen Beispiel
1. Laufende Kosten Jährliche Familienausgaben × 3–5 Jahre 40.000 € × 4 = 160.000 €
2. Verbindlichkeiten Kredite, Bürgschaften, Leasing 120.000 €
3. Übergangsphase 1–2 Jahre Fixkosten des Betriebs 60.000 €
Summe 340.000 €

Das ist nur eine Orientierung – die tatsächliche Summe hängt von der individuellen Situation ab. Wichtig: Vorhandenes Vermögen (z. B. Rücklagen, Immobilien) kann gegengerechnet werden, aber nur, soweit es im Ernstfall schnell verfügbar wäre.

Besonderheiten bei der Antragstellung

Selbstständige werden von Versicherern bei der Risikoprüfung manchmal genauer betrachtet:

  • Einkommensnachweis: Statt Gehaltsabrechnungen verlangen Versicherer oft Steuerbescheide oder BWA (betriebswirtschaftliche Auswertung) der letzten Jahre.
  • Berufsrisiko: Manche Tätigkeiten (z. B. Bau, bestimmte Handwerke) gelten als risikoreicher und führen zu Zuschlägen.
  • Unregelmäßiges Einkommen: Die Versicherungssumme muss zum nachweisbaren Einkommen passen; überzogene Summen ohne wirtschaftlichen Hintergrund werden abgelehnt.
  • Gesundheitsprüfung: Wie bei allen Antragstellern – ehrliche und vollständige Angaben sind Pflicht, sonst droht im Leistungsfall die Anfechtung.

Absicherung von Geschäftspartnern

In Personengesellschaften (GbR, OHG, KG) oder bei GmbH-Gesellschaftern kann der Tod eines Partners das Unternehmen gefährden: Erben rücken in die Gesellschaft nach oder fordern Abfindungen. Eine bewährte Lösung:

  • Die Partner schließen gegenseitig Risikolebensversicherungen auf das Leben des jeweils anderen ab.
  • Im Todesfall erhält der überlebende Partner die Summe und kann damit die Erben auszahlen.
  • Das Unternehmen bleibt handlungsfähig.

Solche Konstruktionen sollten mit steuerlicher Beratung gestaltet werden, da die steuerliche Behandlung der Beiträge und Leistungen vom Einzelfall abhängt.

Steuerliche Hinweise

  • Beiträge zur Risikolebensversicherung können als Vorsorgeaufwendungen im Rahmen der Höchstbeträge steuerlich geltend gemacht werden – sofern die Höchstbeträge nicht bereits durch andere Vorsorgeaufwendungen ausgeschöpft sind.
  • Die Todesfallleistung der Risikolebensversicherung ist für den Bezugsberechtigten grundsätzlich einkommensteuerfrei; erbschaftsteuerliche Aspekte hängen vom Verwandtschaftsverhältnis und den Freibeträgen ab.
  • Bei der betrieblichen Absicherung (z. B. Gesellschafterabsicherung) gelten besondere Regeln.

Diese Hinweise ersetzen keine Steuerberatung – bei größeren Summen lohnt sich der Gang zum Steuerberater.

Häufige Fehler von Selbstständigen

  1. Gar keine Absicherung: „Mir passiert schon nichts“ – der häufigste und teuerste Fehler.
  2. Zu niedrige Summe: 50.000 Euro klingen viel, decken aber weder Kredite noch mehrjährige Lebenshaltung.
  3. Vertrag nie angepasst: Nach Firmengründung, Hauskauf oder Geburt eines Kindes muss die Summe überprüft werden.
  4. Falsche Bezugsberechtigung: Bei Trennung oder Scheidung die Begünstigten aktualisieren.
  5. Betriebliche Risiken vergessen: Private Absicherung der Familie reicht nicht, wenn das Unternehmen Verbindlichkeiten hat.

Kombination mit anderen Absicherungen

Die Lebensversicherung ist nur ein Baustein. Selbstständige sollten außerdem prüfen:

  • Berufsunfähigkeitsversicherung: Schützt das eigene Einkommen bei Krankheit oder Unfall – statistisch das wahrscheinlichere Risiko.
  • Krankentagegeld: Sichert den Verdienstausfall bei längerer Krankheit ab.
  • Altersvorsorge: Rürup-Rente (Basisrente) oder private Rentenversicherung, da die gesetzliche Rente oft fehlt oder gering ist.

Ein stimmiges Gesamtkonzept ist wichtiger als ein einzelner, überdimensionierter Vertrag.

Beispielrechnungen für typische Selbstständige

Beispiel 1: Freiberufliche Grafikerin, 38, zwei Kinder, Eigentumswohnung mit Restkredit

Position Betrag
Familienausgaben (45.000 € × 4 Jahre) 180.000 €
Restkredit Eigentumswohnung 150.000 €
Übergangsphase (kein Betrieb mit Fixkosten) 20.000 €
Empfohlene Versicherungssumme ca. 350.000 €

Beispiel 2: Handwerksmeister, 45, Betrieb mit 3 Mitarbeitern, Geschäftskredit

Position Betrag
Familienausgaben (50.000 € × 3 Jahre) 150.000 €
Geschäftskredit + private Bürgschaft 200.000 €
Übergangsphase Betrieb (Fixkosten 18 Monate) 90.000 €
Empfohlene Versicherungssumme ca. 440.000 €

Die Beispiele zeigen: Die Summe hängt stark von der individuellen Situation ab. Eine pauschale Empfehlung („jeder braucht 100.000 Euro“) greift zu kurz.

Mitarbeitende Familienangehörige absichern

In vielen Familienbetrieben arbeitet der Ehepartner mit – oft ohne eigenes Gehalt oder nur geringfügig beschäftigt. Fällt der Hauptverdiener weg, verliert die Familie nicht nur dessen Einkommen, sondern auch die Arbeitskraft im Betrieb. Bei der Summenberechnung sollte man deshalb auch berücksichtigen:

  • Kann der Betrieb ohne den Inhaber weiterlaufen?
  • Muss eine Ersatzkraft eingestellt werden?
  • Hat der mitarbeitende Partner eigene Rentenansprüche?

Freiwillige Weiterversicherung in der gesetzlichen Rentenversicherung

Selbstständige können sich freiwillig in der gesetzlichen Rentenversicherung versichern und damit auch Ansprüche auf Hinterbliebenenrente für ihre Familie aufbauen. Das ist keine Alternative zur privaten Lebensversicherung, kann aber die benötigte private Summe reduzieren. Die freiwilligen Beiträge sind vergleichsweise günstig – allerdings ist die spätere Witwen- oder Witwerrente an Bedingungen geknüpft (z. B. Mindestversicherungszeiten).

Laufzeit richtig wählen

Die Laufzeit der Risikolebensversicherung sollte zum Schutzzweck passen:

  • Bis die Kinder erwachsen sind: Oft 20 bis 25 Jahre bei jungen Familien.
  • Bis der Kredit getilgt ist: Die Laufzeit an die Restlaufzeit des größten Kredits anpassen.
  • Bis zum Ruhestand: Wenn die Police auch die Altersvorsorge des Partners sichern soll.

Eine zu kurze Laufzeit lässt Lücken, eine zu lange kostet unnötig Beiträge. Bei fallendem Bedarf (z. B. sinkender Restschuld) kann eine fallende Versicherungssumme sinnvoll sein – sie wird mit der Zeit kleiner und ist günstiger als eine konstante Summe.

Häufige Fragen

Brauche ich als Selbstständiger wirklich eine höhere Summe als ein Angestellter?
Oft ja – weil betriebliche Verbindlichkeiten und fehlende gesetzliche Hinterbliebenenansprüche hinzukommen. Die genaue Summe ergibt sich aus der individuellen Berechnung.

Kann ich die Beiträge als Betriebsausgaben absetzen?
Beiträge zu einer privaten Risikolebensversicherung sind keine Betriebsausgaben, sondern Vorsorgeaufwendungen. Bei betrieblich veranlassten Policen (z. B. Gesellschafterabsicherung) gelten andere Regeln – hier hilft der Steuerberater.

Was passiert, wenn sich mein Einkommen stark verändert?
Dann sollte die Versicherungssumme überprüft werden. Viele Tarife erlauben Erhöhungen im Rahmen einer Nachversicherungsgarantie – etwa nach größeren beruflichen Veränderungen.

Ist eine Risikolebensversicherung auch für Gründer sinnvoll?
Gerade für Gründer mit Familie: Wer einen Gründungskredit mit privater Bürgschaft aufgenommen hat, sollte die Familie für den Ernstfall absichern. Die Beiträge sind in jungen Jahren am günstigsten.

Checkliste für das Beratungsgespräch

Wer sich beraten lässt – ob beim Versicherungsvermittler oder einer unabhängigen Beratung –, sollte diese Unterlagen und Fragen vorbereiten:

Mitbringen:

  • Steuerbescheide der letzten zwei bis drei Jahre (Einkommensnachweis)
  • Übersicht über Kredite und Bürgschaften (Restschulden, Laufzeiten)
  • Bestehende Versicherungspolicen (Vermeidung von Doppelabsicherung)
  • Übersicht über monatliche Familienausgaben

Fragen:

  • Welche Versicherungssumme passt zu meiner Situation – und warum genau diese?
  • Wie lange sollte die Laufzeit sein?
  • Gibt es eine Nachversicherungsgarantie für den Fall, dass mein Unternehmen wächst?
  • Was kostet der Vertrag über die gesamte Laufzeit?
  • Wie sind die Bedingungen bei Berufsunfähigkeit als Zusatzbaustein?

Eine gute Beratung rechnet die Summe transparent vor, statt eine runde Zahl zu nennen.

Fazit

Für Selbstständige und Freiberufler ist die Risikolebensversicherung oft unverzichtbar: Sie schützt Familie und Unternehmen gleichzeitig und ersetzt die fehlende gesetzliche Hinterbliebenenversorgung. Entscheidend sind eine realistisch berechnete Versicherungssumme, ehrliche Angaben im Antrag und die regelmäßige Überprüfung, wenn sich die Lebenssituation ändert.

Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle Finanz-, Versicherungs- oder Steuerberatung. Bitte prüfen Sie Ihre Situation ggf. mit unabhängigen Beratern.

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